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Songs für Liam
Ich habe kürzlich gelesen, dass Menschen alle acht Jahre ausschlaggebenden Charakterveränderungen unterlegen sind. Es ist bei mir jetzt auch soweit! Schokolade ekelt mich an! Glücklicherweise ist Schokolade nur eine von vielen Sachen, die mich anekeln und bis ich das alles in Worte gefasst habe, beschäftige ich mich weiterhin mit weniger abstoßenden Dingen und mit Gelatine verseuchten Lebensmitteln.
Eigentlich ist es noch ein bisschen zu früh, denke ich, als du die Packung mit den bunten Ostereiern auf den Tisch stellst. Ich nehme ein pinkfarbenes und zerschlage die Schale an meinem Kopf. Realitätscheck bestanden. „Tut das nicht weh?“, fragst du, „Nein“, lüge ich und beiße mir dabei auf die Zunge. „Wann war das mit Kolumbus?“, frage ich, so als wäre die Antwort darauf essentielles Grundwissen aller Lebenslagen und Lösung aller Probleme. „1492.“ Ich nicke spürbar überheblich und während ich sichtlich darum bemüht bin die winzigen Stücke Eierschale zu entfernen, denke ich darüber nach, ob es wirklich 1492 war und was genau ich mit dieser Frage eigentlich bezwecken wollte. Ich hasse Eierschale. Du findest, dass man keine Zeit verlieren sollte. Nichts aufschieben, weil es jeden Tag zu spät sein kann. Wofür eigentlich? Ich denke an den Weltuntergang und im Radio läuft „Foster and the People“. Bitte, wo bleiben die Geigen?
Eigentlich ist es noch ein bisschen zu früh, denke ich, und während ich das schreibe, höre ich dein zufriedenes Atmen durch den Telefonhörer und wärst du noch wach, könntest du das gleiche hören. Schlaf gut.
Bis irgendwann, hörst du?
„Weißt du das denn nicht mehr?“, ich zerre ein wenig mädchenhaft an deinem T-Shirt. „Nein.“, antwortest du, etwas genervt und beugst dich mit einem lauten Atemzug hinüber zu dem kleinen Schrank neben dem Bett. Unbeholfen kramst du in der Schublade und machst dabei mehr Krach als notwendig. Du willst nicht reden, zündest dir eine Zigarette an und aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie sich der Rauch, den du ausbläst, nahezu lasziv, im Mondlicht windet.
„Ich glaube, wir sind mittlerweile zu alt für sowas.“, raunst du nach einer Weile und bläst mir dabei versehentlich Rauch ins Gesicht, sodass meine Augen zu tränen beginnen: „Pass doch auf.“ Du entschuldigst dich, legst deine Hand auf meinen Oberschenkel und siehst mich müde, mit halboffenen Augenlidern an: „Meinst du nicht auch?“
„Ja.“ Ja. Immer wieder sage ich ‚Ja‘, weil mir nichts Besseres einfällt, ja, weil ich genau weiß, dass jedes andere Wort genau das Wort zu viel, der Gedanke, der zu weit gedacht oder das zu dicht gesponnene Gefühl sein kann. Als ich aus dem Fenster blicke, sehe ich dicke Schneeflocken durch die Nacht schweben. Schnee. Diese schrecklichen weißen Flocken, die noch nie Gutes mit sich gebracht haben. Du machst mich wütend, so sehr, dass ich dich anschreien möchte, ununterbrochen, den ganzen Tag. So lange, bis ich keine Stimme mehr habe, mir die Luft wegbleibt. Ja. Immer wieder dieses Wort.
Du regst dich kaum, nur dann, wenn du behutsam an deiner Zigarette ziehst, so als würdest du dich daran festhalten und gleichwohl Angst davor haben sie zu zerbrechen. Während ich dich weiter dabei beobachte, werde ich nur noch wütender, auf dich, deine Ignoranz und Selbstgefälligkeit und frage mich was, wann und wie die Welt dich zu dem gemacht hat, was du jetzt bist. Ich spreche nichts davon aus. Während die Gedanken in mir ihre eigenen Wege gehen, harre ich aus, warte. „Ich will wirklich immerzu nur das Beste für dich.“ murmelst du im Halbschlaf. Ja, denke ich, gewiss doch.
Unruhig wälze ich mich noch eine Weile durch das Bett, unfähig auch nur ein Auge zu schließen. Als dein Atmen schwerer wird und ich mir sicher sein kann, dass du eingeschlafen bist, stehe ich auf. Ein letztes Mal sehe ich mich in deinem Zimmer um, streiche mit der Hand vorsichtig über deine Schulter, unsicher darüber, ob ich dich damit wecken oder still und leise verschwinden möchte.
Auf der Türschwelle drehe ich mich ein letztes Mal um, huste leise und räuspere mich etwas lauter, doch du regst dich nicht. Ich wünsche dir immerzu das Beste, flüstere ich, bis irgendwann, hörst du?


