Vorhang auf. Polen, wie es mir (nicht) gefällt.
Zwischen den raschelnden Blättern, der spärlich verstreuten, abgestorbenen Bäume, leuchtet in einem abartigen rot, die Leuchtreklame des 24 h Alkoholshops. Zapraszamy, brüllt es mir entgegen. Die wenigen Schritte, die mich von dieser Höhle trennen, reichen nicht im Ansatz aus. In regelmäßigen Abständen höre ich das abgehackte, Bier und Wodka getränkte, Gegröhle, welches aus den vergilbten Mündern von champagner farbenen Plastikstühlen, die stark an Schrebergärten Kantinen erinnern, bröckelt.
Mir gegenüber blinken in verschiedenen Farben, wie bei einer Kinderzimmerlampe, die Fernseher, hintern den Rollos der Nachbarwohnungen. Drei Farben. Weiß, Rot, Blau.
Nur an einem einzigen Fenster, sehe ich einen kleinen, orange-gelb glimmenden Punkt. Der junge Mann, der jeden Tag ein schwarzes T-Shirt trägt, raucht seine tagesletzte Zigarette. Im Nebenzimmer sehe ich seine Freundin den Abwasch machen. Ich denke kurz darüber nach zu winken, entscheide mich, mit dem Gedanken daran, dass er mich auch irgendwann wieder bei Tageslicht sieht, dagegen. Man soll die Sache mit der guten Nachbarschaft ja auch nicht übertreiben. Es ist bei weitem genug, dass auch er weiß, wie meine Boxershorts aussehen, seitdem ich derart freizügig, am letzten Wochenende, die Küchenfenster geputzt habe.
Der Mond strahlt, als müsse er alles, wie ein Bühnenscheinwerfer im Theater, beleuchten und entgegen der guten Nachbarschaft, zeige ich ihm den Mittelfinger, weil mir eben danach ist. Scheiß Strahlung.
Es ist Ende August, doch der kalte Wind, der mir um die Nase weht, fühlt sich später an.
Da ich es mittlerweile für unabdingbar halte, rülpse ich in die Nacht, jedoch nur sehr leise, fast schon seufzend, da es nach 22 Uhr nicht mehr erlaubt ist, die Öffentlichkeit mit lauten Geräuschen zu erregen. Erregend findet dieses Geräusch jedoch mit Sicherheit niemand und für Öffentlichkeit halte ich dieses BigBrother Terrain auch nicht.
Und während ich also am Fenster stehe, beide Arme auf das Fensterbrett gelehnt und der Mond mir so scheisse freundlich in die Fresse strahlt, stelle ich fest, was mich hier hält und doch mit aller Kraft davontreibt.
Es sind die portionierten, einseitigen Bekanntschaften, die nicht einmal wissen, dass ich täglich, wenn auch nur für ein paar Sekunden ungewollt an ihrem Leben teilhabe.
Die Beziehungen, die um 3 Uhr in der Nacht vor meinem Fenster beendet werden, die Kinder, die nachmittags mit ihren Fahrrädern durch die Blocks zischen und dabei kreischen als ginge es um Leben und Tod, die krächzenden, schwer atmenden Ältesten, die morgens um halb 7 bereits auf ihrer Stammparkbank sitzen und den Tag mit einem Schwatz mit den zur Arbeit hetzenden Familienvätern beginnen.
Die Situationen die mir auf den Sack gehen und doch das Gefühl geben, Teil der ganzen Misere zu sein.
Hier möchte ich bleiben, hier möchte ich weg.
Der tägliche Rhythmus, der sich durch nichts erschüttern lässt. Die (Un)sicherheit, dass alles so ist wie es ist und sich nichts verändert. Die (Un)zufriedenheit, mit der die Menschen sich Tag für Tag ein „Dzien dobry“ wünschen und doch so anonym ein- und ausatmen wie es nur möglich ist.
Vorhang zu. Bis zum nächsten Tag.


